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Industrie-Schweiz - News-Corner
 
14.11.2025
 
  
KOF Institut:: Absichtserklärung Schweiz-USA - Erleichterung, aber Belastungen und Risiken bleiben erheblich
    
Mit der nun erzielten Absichtserklärung und Zöllen in Höhe von 15%, verbessern sich die wirtschaftlichen Aussichten in der Schweiz. Der gesenkte Zollsatz dürfte ein Plus des Schweizer Bruttoinlandprodukts (BIP) zwischen 0.3 und 0.5% bedeuten, wie das KOF Institut berechnet hat. Es bleiben aber erhebliche Belastungen und Risiken.

Wie andere Länder, hat jetzt auch die Schweiz einen sogenannten «Deal» mit der Trump-Administration erreichen können. Wie üblich bei solchen Übereinkommen, gibt es für den Moment klare Vereinbarungen und eine Reihe von Absichtserklärungen. Wie auch bei den anderen Übereinkommen ist diese weit davon entfernt, ein rechtsverbindliches Abkommen zu sein. «Für die Schweizer Wirtschaft ist die wichtigste Zahl in dieser Absichtserklärung der neue Zollsatz von 15%», betont KOF Co-Direktor Hans Gersbach. Dieser Satz gilt für die Sektoren, für welche ein Zollsatz von 39% für Warenexporte in die USA gegolten hat, wobei es für verschiedene Produkte eigene Zusatzregeln gibt. Der Zeitpunkt der Zollsenkung ist noch nicht bekannt, soll aber in den nächsten Wochen vereinbart werden. Die Schweiz macht eine Reihe von Zusagen für Investitionen von Schweizer Firmen und Investoren in die USA im Umfang von 200 Mrd. US-Dollar bis 2030 und Marktöffnungen für landwirtschaftlichen Produkte aus den USA. «Der neue Zollsatz bringt Erleichterung, allerdings bleiben erhebliche Belastungen und Risiken für die Schweizer Volkswirtschaft bestehen», ordnet Hans Gersbach die Absichtserklärung ein.

Der Einfluss der Zollerleichterungen
Mit dieser Zollerleichterung verbessern sich die wirtschaftlichen Aussichten in der Schweiz deutlich. Das KOF Institut erwartet ein jährliches Plus für das Niveau des BIP zwischen 0.3% und 0.5% gegenüber einem Zollsatz von 39%. Somit wird das für 2026 prognostizierte sportbereinigte Wirtschaftswachstum, das derzeit auf 0.9% geschätzt wird, wieder klar über 1% liegen wird.

Hätte der Zollsatz von 39% für längere Zeit weiter bestanden, wären gemäss den Schätzungen des KOF Instituts 7´500 bis 15´000 Vollzeitstellen in der Schweiz in den betroffenen Branchen Maschinenbau, Präzisionsinstrumente, Uhren- und Nahrungsmittelindustrie gefährdet gewesen. «Mit einem Zollsatz von 15 Prozent für die betroffenen Branchen und verschiedenen Sonderregelungen und Anwendung der MFN-Zölle für einzelne Produktkategorien ist der Grossteil dieser Arbeitsplätze nun nicht mehr bedroht. Allerdings sollte nicht vergessen gehen, dass auch ein Zoll von 15% auf bestimmte Warenexporte in die USA die Wirtschaftsleistung in der Schweiz beeinflusst», sagt KOF Co-Direktor Gersbach. Dieser Zollsatz verringert das BIP gegenüber dem potenziellen Niveau jährlich um fast 0.2%, was im Durchschnitt jeden Schweizer pro Jahr rund 150 Franken an Einkommensverlusten beschert.

Der verbleibende Zollsatz beeinflusst die betroffenen Industrien weiterhin deutlich. Betroffen sind vor allem die Uhrenindustrie, Präzisionsinstrumente, der Maschinenbau und z.T. die Nahrungsmittelindustrie. In diesen Industrien gibt es Firmen mit einem hohen Exportanteil in die USA, die bei der gegenwärtigen Wechselkursentwicklung ihre Exporte in die USA reduzieren müssen, wenn ihre Marktmacht nicht gross ist. Trotzdem sind die sogenannten Second-Layer-Effekte nicht hoch, da die EU-Länder mit dem gleichen Zollsatz für ihre Warenexporte in die USA belegt wurden.

Erhebliches Zusatzrisiko bei der Pharmaindustrie
Ein erhebliches Risiko besteht aufgrund der Bestrebungen der US-Administration die Preise für Medikamente in den USA zu senken und die Pharmaindustrie massive Investitionen in den USA versprochen hat. Die im April 2025 eingeleitete Section-232-Untersuchung umfasst pharmazeutische Erzeugnisse, Wirkstoffe sowie abgeleitete Produkte, - grundsätzlich unabhängig vom Herkunftsland. Die grossen Pharmafirmen erhielten vor längerer Zeit einen Brief der US-Regierung und wurden aufgefordert Vorschläge zu unterbreiten.

Erste Pharmafirmen wie beispielsweise Pfizer oder AstraZeneca haben bereits einen «Deal» mit der US-Administration gemacht. «Um mögliche Zölle abzuwenden, müssten die beiden grossen Pharmakonzerne Roche und Novartis ein Paket schnüren, das eine ähnliche Stossrichtung wie die Übereinkunft von Pfizer oder AstraZeneca hat. Die Vereinbarung von Pfizer mit der US-Regierung vom 30. September 2025 zum Beispiel sieht vor, dass Pfizer seine Medikamentenpreise - insbesondere für das staatliche Programm Medicaid - stark senkt und im Gegenzug eine Ausnahme von den angedrohten Zöllen auf importierte Pharmazeutika erhält», erläutert Gersbach. Zudem hat sich Pfizer verpflichtet massiv in Forschung, Entwicklung und Produktion in den USA zu investieren, um lokale Kapazitäten auszubauen.

Die Pharmaindustrie ist eine gewichtige Branche in der Schweiz und der wichtigste Treiber für das BIP-Wachstum seit vielen Jahren. Heute trägt der Pharmasektor rund 6% des BIPs in der Schweiz bei und rund ein Viertel der Wertschöpfung der Industrie und des Bausektors kommt aus der Pharmaindustrie. Die aktuellen Risiken in diesem Sektor, mögliche Zölle, massive Wertschöpfungsverlagerungen in die USA und ins Ausland, Umstrukturierung der Lieferketten und Reduktion der Investitionen in der Schweiz - sind deshalb auch beträchtliche volkswirtschaftliche Risiken, welche, je nach Szenario, das BIP-Wachstum in den nächsten Jahren wenig oder spürbar reduzieren könnten. Auch wenn das Potenzial für Produktionsverlagerungen kurzfristig beschränkt ist, ist zu erwarten, dass diese Verlagerungen die Exporte der Pharmaindustrie in die USA mittelfristig deutlich reduzieren. Es ist zudem absehbar, dass das grosse Wachstum des Pharmasektors in der Schweiz zum Ende kommt und eine Stagnation kein pessimistisches Szenario ist.

Die weiteren Zusagen
Die weiteren Zusagen der Schweizer Regierung im Deal sind entweder ohne oder nur mit geringen zusätzlichen volkswirtschaftlichen Kosten verbunden, wenn sie ohnehin geplant waren oder wenn die schweizerische Volkswirtschaft nur am Rande berührt wird.

«Zusätzliche Kosten könnten entstehen, wenn aufgrund der Zolldrohung sehr hohe Investitionen in den USA von Schweizer Firmen zu geringeren Investitionen in der Schweiz führen würden, die zentral für die Kapitalbildung und den technischen Fortschritt in der Schweiz sind», ordnet Hans Gersbach die weiteren Zusagen ein. «Die Investitionszusagen von 200 Mrd. US-Dollar sind enorm hoch und die Direktinvestitionen von Schweizer Firmen in die USA müssten sich in den nächsten fünf Jahren vervielfachen und auch schon im Jahre 2026 massiv sein. Das wird nicht ohne negative Rückwirkung auf die Investitionen in der Schweiz bleiben. Unklar ist auch, was passiert, wenn private Akteure, die Investitionen versprochen haben, sie am Schluss nicht machen würden oder könnten», führt Gersbach weiter aus. Die Marktzugeständnisse für Importquoten im Agrarsektor werden im gesamtwirtschaftlichen Rahmen keine grosse Rolle spielen.

Zudem ist die Erwartung, dass durch die Verlagerung der Goldverarbeitung der Handelsüberschuss der Schweiz mit den USA im Warenhandel deutlich kleiner werden könnte, nicht gross, da es - über viele Jahre - mit Ausnahmen - keinen Überschuss im Goldhandel mit den USA gegeben hat.

Dass eine Anbindung an amerikanischem Regeln für Export- oder Investitionskontrollen und Sanktionen nicht Bestandteil der Vereinbarung ist, ist eine zwingende Bedingung. «Hätte die Schweiz dies getan, hätte sie ihre Identität verkauft», schlussfolgert Hans Gersbach. Wieviel Kraft aber die verschiedenen Absichtserklärungen, auch im Bereich der Kooperation bezüglich Exportkontrollen und Sanktionen haben, welche das Weisse Haus veröffentlicht hat, bleibt abzuwarten.


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