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22.05.2019 36. Zürcher Logistik-Kolloquium: Ein Schlaglicht auf den Stand der digitalen Zukunft

JIT-Fabriken, selbstfahrende Züge und emissionsfreie Lastwagen standen im Zentrum der Vorträge am 36. Zürcher Logistik-Kolloquium mit 111 Teilnehmenden. Der Anlass wird jährlich von der Dr. Acél & Partner AG in Zusammenarbeit der ETH Zürich veranstaltet.

Vom Neubau einer kompletten Fabrik mit 10‘700 Quadratmeter Fläche im teuren Zuger Stadtkern berichtete als erster Referent Heinz Mäder, Director Manufacturing Zug und Werkleiter Siemens Smart Infrastructure in seinem Vortrag unter dem Titel "We Create Perfect Places". Er schilderte die Herausforderungen bei der Konzeption und dem Bau der neuen Fabrik, für die ca. 200 Mio. Franken investiert wurden.

In der Zuger Fabrik werden Sensoren, Aktoren und Steuerungen für die Gebäudetechnik hergestellt. Die Komplexität ist ganz unterschiedlich: Es gibt Teile mit rund 1‘400 Bauelementen, andere haben nur rund zehn. In der Produktion sind rund 350 Mitarbeitende beschäftigt. Eingehend schilderte Mäder die Ausgangslage vor der Projektierung. So betrug die Zeit von der Wareneinlagerung bis zur Fertigstellung der Produkte rund 15 Tage. Es gab zahlreiche nicht automatisierte Transport- und Handlingsprozesse. "Jede Buchung, jeder Transport generierte Belege", so Mäder.

Im Neubau ist alles anders. Die Vorgaben aus dem optimierten Wertstrom waren digitalisierte Pickprozesse ebenso wie geringere Lagerbestände und weniger Handlingprozesse. Ausserdem sollte die Materialbewirtschaftung papierlos funktionieren und Transportprozesse sollten umfassend automatisiert werden. Für die Produktionssteuerung musste aus den Daten der Kundenbestellungen zunächst ein Plantag inkl. Materialplan abgeleitet werden. Dieser dient als Grundlage der Materialbestellung. Die bisherigen eigenen 5‘000 Quadratmeter Lagerfläche wurden komplett an einen externe Logistikdienstleister vergeben. Simulationen aller betrieblichen Abläufe parallel zur baulichen Planung haben neben der Optimierung im Vorfeld auch eine reibungsarme Umsetzung ermöglicht. Neu beträgt die Durchlaufzeit noch einen Arbeitstag.

"Digitale Intelligenz bei Stadler Rail" war das folgende Referat von Markus Bruderer, Montageleiter bei Stadler Bussnang AG. Sein Werk ist auf Kleinstserien und Prototypen spezialisiert, "vier Loks sind für uns schon eine Grossserie", meinte Bruderer. Die Digitalisierung findet demnach auf drei verschiedenen Ebenen statt: Einmal im Produkt selbst, beispielsweise durch die automatische Zugsteuerung. Zweitens in der Produktion, Stichwort Robotik. Schliesslich auch in den unterstützenden Prozessen wie durch Augmented Reality.

Die automatische Zugsteuerung zielt auf das führerlose Fahren von Zügen ab. Stadler betreibt derzeit mehrere Feldversuche. So beispielsweise bei der SBB die adaptive Lenkung: Optimale Bremswege und Geschwindigkeitshinweise an den Zugführer. Hier gibt das System dem Zugführer die richtigen Inputs vor, ausführen muss der Mensch. In Basel wird in Trams eine Kollisionserkennung getestet. Tests zur Positionsbestimmung ohne GPS laufen bei der rhätischen Bahn und in Österreich perfektioniert man derweil die optische Signalerkennung. Grundsätzlich seien für das führerlose Fahren mehrere Systeme im Zug erforderlich, erst aus deren Zusammenspiel ergebe sich die gewünschte automatische Steuerung. In Glasgow sollen solche Züge in der Metro ab 2021 fahren.

Über "Logistik der Zukunft – Zukunft der Logistik" sprach anschliessend Daniel Gebler vom zum VW-Konzern gehörenden Nutzfahrzeughersteller MAN. Die Logistikbranche steht demnach vor zentralen Herausforderungen: Fahrermangel, Automatisierung / Digitalisierung, Nachhaltigkeit und die Urbanisierung.

Auf der Strasse wird derweil mit dem Platooning von Fahrzeugen experimentiert, ein LKW fährt einem anderen autonom hinterher. Im Werk München hat MAN wiederum ein Tracking für die Ladungsträger implementiert, welches mit Informationen über deren Inhalt verbunden ist. Die cloud-basierte Lösung weist frühzeitig auf drohende Versorgungsengpässe hin. Insgesamt ergibt sich dadurch eine vollständige Transparenz in der Versorgungskette, von den Lieferanten überall auf der Welt bis in die Werke.

Laut Gebler erzeugen die heute fahrenden Fahrzeuge des VW-Konzerns ca. 1 Prozent des weltweiten CO2-Ausstosses. Als Lösungsansatz werden elektrische Fahrzeuge vorgestellt. Zu drei Punkten fasste Gebler seine Erkenntnisse zusammen: Steigende Logistikkosten werden in den Fokus der Unternehmen rücken. Automatisierung und Digitalisierung können den Kostenanstieg reduzieren. Schliesslich hat die Logistik einen relevanten Einfluss auf die CO²-Bilanz.

In seiner anschliessenden kurzen Rückschau auf den Abend strich Prof. Dr. Konrad Wegener heraus, dass die Beispiele zeigten, wie rasch Elektronik und Digitalisierung überall Einzug hielten. Es werde auch klar, dass sich das auf die Mitarbeitenden auswirke, ohne sie jedoch vollständig überflüssig zu machen. Finale Szenarien könne man nicht entwerfen, ohne sich weit von dem zu entfernen, was unter wissenschaftlichen Aspekten zulässig sei, befand Prof. Wegener. Dies gelang dann möglicherweise besser beim den Abend abschliessenden Apéro riche, der dank der privilegierten Lage des Veranstaltungsortes und dem ansprechendem Wetter vom abwechslungsreichen Panorama der Stadt Zürich und ihres Umlandes eingerahmt war und sich bis nach 21:30 Uhr hinzog. Ein gelungener Anlass.

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